Alles Heesch - und sonst?
Projekte in der Mache hat Christian Heesch immer. Im Moment kniet er hinter einem Eimer und rührt mit einem Stöckchen eine schleimige Masse um. Projekt: Tapezieren des 12 m² Stands vom Zwerchfell Verlag auf der Essener Comic-Action 2000. Blutleer, in düsterer Kluft stehen die Schwarz-Zeichner Schukalla/Kießler hinter dem Zwerchfell-Boss und erwarten seine Instruktionen. "Das wird schon irgendwie," sagt Christian. Irgendwie sieht es nachher auch aus. Doch als Poster der Kombat Babes, Janine Weiland, der kleinen Mutterf.i.c.k.e.r und Drucke von Wanda Caramba, Knurf, Dr. Mabuse und Baabra Kadabra das Faltenwerk begraben, grinst der Chef-Agent zufrieden.
Der schwarz-weiße Traum
Und wenn einer Grund zum Grinsen hat, dann Heesch. Er hat es immerhin geschafft, den Zwerchfell-Verlag zum größten, deutschen Independent-Comic-Verlag zu expandieren. Als er 1988 das schwarz-weiße Kind adoptierte war ihm bewusst, dass der kontrastreiche "Hirsch", wie der Verlag bei seiner Gründung hieß, gierig Münzen aus seinem Portemonnaie fressen würde. Ein teurer Traum. Aber einer, der wahr geworden ist, wenn auch in schwarz-weiß.
Fanboy Christian mischte seit 1980 in der Comic-Szene mit. Sein erstes Fanzine erschien 1984 und hieß "Knockout". Um es zu füllen, schrieb er Zeichner an und veröffentlichte seine eigenen und ihre Werke. Die Publikationen wurden von Heesch in einer Auflage von 40-100 Stück kopiert, geheftet und an Comic-Händler und -Läden verschickt und verteilt. Ihr Inhalt setzte sich aus Funny-Comics, Parodien und redaktionellen Beiträgen zusammen.
Auf der Suche nach neuen Zeichnern fiel der Scheinwerfer des Nordlichts auf ein kleines Dorf am Bodensee. Dort blendete der Spot die furiosen Dinter-Brüder. In Dinter1, 2 & 3 fand Heesch nicht nur Zeichner, Texter und Comic-Fans, sondern auch Verbündete für seine Ziele. Ihr Talent versenkte Christians Motivation zum Zeichnen: "Die Kollegen Dinter haben zu der Zeit eine Entwicklung hingelegt, die war sondergleichen. Die wurden von Woche zu Woche besser. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Zeichnen doch nicht so mein Ding ist und mir Verlegen viel besser liegt." Bis 1987 veröffentlichte Heesch 11 Ausgaben von "Knockout" unter dem Verlagsnamen "Hirsch-Comics". Diesen Namen verdankte er Mutter Dinter. Die hatte wegen Christians Schnellsprecherei und Nuschelei am Telefon, Hirsch statt Heesch verstanden. 1987 gründete er das Nachfolgemagazin "Hit it!". Da waren die Ambitionen schon größer und die Bandbreite der Comics wurde erweitert. Da gab es nicht nur Funnies, sondern auch realistische Comics und Artikelserien. Diese schrieb der Hamburger zum großen Teil noch selbst.
Na denn, prost!
Wenn Dinter1 & 3 jetzt noch die passenden Schrauben finden, können sie den sonnengelben Pult zusammenschrauben. Das wäre gut, denn dort sollen Dinter1, Breitschuh, Wittek und Oesterle zeichnen. Die Nightfalls haben ihre "Eselsbank" schon positioniert und ihre Bierdosen darauf abgestellt. Als sie, nach dem Aufhängen des gelb-schwarzen, 3 Meter breiten Zwerchfell-Banners von den Stühlen steigen, hat es ihr Blutdruck geschafft, Farbe in ihre Gesichter zu pressen. Vielleicht war es auch das Bier. Aber das ist nun leider alle. Und in der Halle gibt's keines zu kaufen. Dafür steht der Stand. Christian schwitzt. Er wischt sich über die nasse Stirn und greift nach seiner Jacke. Nicht nur er ist durstig. Na dann, auf zur nächsten Tränke!
Der röhrende Hirsch
Beim Fernsehtechniker-Gesellen Heesch flossen die Finanzen 1988 in den ersten Offset-Druck von "Hit it!" Es war die 4. Ausgabe. Gleichzeitig änderte sich das Format von DIN A5 auf DIN A4. Dann lag es in seiner Hand! 40 Seiten gutes Comic-Material, mit dem sich etwas anfangen ließ!
Christian verteilte und verschickte es an Comicläden und -händler. "Die Auflage betrug 400 Stück. Davon haben wir 300 Stück verkauft. Das war ein Quantensprung, denn wir hatten immerhin ¾ der Auflage verkauft." Dieser Erfolg bewegte Christian dazu, die Ausgabe 5 mit Farbcover auszustatten. Als Mathias Dinter und Herod ihr erstes Album "Heroes of the Black Lagoon" veröffentlichen wollten, gründete Heesch mit 21 Jahren 1989 den Zwerchfell-Verlag. Der Name sollte die Funny-Comics bezeichnen, die die Zwerchfell-Agenten bis dahin machten.
Mit dem ersten Band von "Heroes of the Black Lagoon" verschätzten sie sich: "Davon haben wir 1000 Stück gedruckt und haben immer noch welche im Keller."
Die Lehre, die Heesch daraus zog war: Lieber jährlich einige Alben in kleiner Auflage herauszubringen. Deshalb erschienen beim Zwerchfell-Verlag soviel Alben pro Jahr, wie Christians Budget es zuließ. 1988 gab es einen Comic-Boom in der deutschen Verlagsbranche, der gleichzeitig die große Stunde der Comic-Alben einläutete. Diese erschienen im DIN A 4 Format. Damals begann Christian zusammen mit den Dinter-Brüdern Comic-Börsen zu besuchen, um den Verlag und die Zeichner zu repräsentieren. "Denn große Werbeanzeigen konnten wir uns damals schon nicht leisten und von daher waren die Comic-Börsen die einzige Öffentlichkeitsarbeit." Seitdem hat keine große Comic-Veranstaltung stattgefunden, bei der Christian mit seinen Zeichnern gefehlt hätte.
Mit Pizza aus dem Pappkarton
Schukalla und Kießler bereiten sich mental auf das Essener-Marathon-Zeichnen vor. Sie verdünnen ihre Gedanken mit einem letzten Pils und machen sich dann auf den Heimweg nach Düsseldorf. Die Kellnerin der "Gasse" findet Dinter1 sehr nett und vergisst deshalb nie, ihm einen lockeren Spruch zuzuwerfen und die leeren Gläser schnell wieder zu füllen. Ein merkwürdiger Alter möchte die Freundin von Dinter3 kaufen, kriegt sie aber nicht. Nach dieser Dosis rheinischer Frohnaturen macht sich die Zwerchfell-Crew auf den Weg nach Köln/Flittard. Dort bewohnt Dinter 2 mit einigen Mitbewohnern eine Villa. Allerdings hat er sich, mit einem der Kombat-Babes, nach Saint Tropez verzogen, und überlässt es seinen WG-Partnern, mit den Kuckuckseiern klar zu kommen, die sich für die nächsten fünf Nächte bei ihnen einnisten. Es läuft alles gut. Nächtliche Trink-Exzesse, während einer Messe, sind selten geworden. Deshalb sitzen die Comic-Agenten abends relaxt in gemütlicher Runde bei Dosenbier mit Pizza aus dem Pappkarton und lassen sich von Videos wie "Something About Mary", "Pleasant Ville", und "Ali G." das Zwerchfell kitzeln.
4m² Zwerchfell
Den ersten 4m² Stand leistete sich Christian 1990 auf dem Comic-Salon in Erlangen. Damals beschränkte sich das Angebot auf drei Titel: "Heroes of the Black Lagoon I & II" und auf "Timpliche" von Werner Schnater. Doch darauf kam es nicht an. Wichtig war es, den Verlag zu präsentieren. Die Zeichner signierten ihre Hefte und bedachten jeden Käufer mit einer Original-Zeichnung nach Wunsch. Die Fans waren zufrieden und das hatte den erfreulichen Nebeneffekt, dass sich mit der Zeit eine treue Fangemeinde bildete. Ab 1994 wurde der Albenmarkt immer kleiner und Comic-Hefte wurden aktuell. Dieser Umbruch kam dem Zwerchfell-Boss entgegen: Das sogenannte US-Format lag zwischen DIN A 4 und DIN A 5 und war günstiger in der Produktion und im Verkauf. Der Preis lag zwischen 5 und 10 Mark für ein Heft, während man für ein Album mindestens 13 Mark investieren musste.
1994 lief ein ganz anderes Projekt für Christian an. Familienplanung. Er half seiner Frau Christina dabei. Wahrscheinlich deshalb, weil Frauen sonst immer etwas vergessen. Aber Christina machte das alles großartig. Das Resultat: Tim Heesch Jr., ein süßer, kleiner Kerl, der seinen Papa manchmal auch auf Comic-Börsen begleitet. Die veränderten Verhältnisse veranlassten Christian zum Rechnen. Jetzt war er Alleinverdiener. Er hatte eine Familie zu versorgen. Bis 1995 hatte er im Jahr 2-3 Comics produzieren können. Jetzt zog er die erschreckende Bilanz, jährlich nur noch einen Titel heraus bringen zu können. Da schalteten sich die Dinter-Brüder ein: "Du hast lange genug für uns bezahlt, jetzt übernehmen wir das." Knurf 34 war der erste Comic, der von den Zeichnern selbst finanziert wurde. Dinter 1, 2, 3 bezahlen ihre Produktionskosten nach wie vor selbst. Andere Zeichner schießen die Druckkosten vor und sind prozentual an den verkauften Heften beteiligt. Wieder Andere halbieren sich die Druckkosten mit Christian. Wie auch immer Christian die Produktionen ermöglichte: In 12 Jahren hat er es geschafft, über 60 Titel herauszubringen.
Der Chef-Agent startet durch
Es ist kurz vor 10:00 Uhr. Christian Heesch ist mit 180 Sachen unterwegs zu seinem Stand. Sein Aktenkoffer folgt ihm widerwillig - die Zwerchfell-Agenten willig, aber zu langsam. Dafür stehen die Jungs von den Nightfall-Studios schon schwarz-weiß vor bunten Postern und bewachen die Zwerchfell-Schätze. Ruckzuck räumt Christian die Comics in die Regale. Die Zeichner legen in Ruhe ihr Werkzeug zurecht und sind bester Laune. Dann geht's los: Verkaufen, zeichnen, unterhalten. Wittek zeichnet hingebungsvoll Pickelgesichter, Stefan Dinter marderpinselt Knurf und Daniel Kießler tuscht Janine Weiland. Sunnyboy Eckart Breitschuh läuft ein. Er schultert sein olivgrünes Survival-Marschgepäck ab und packt erst mal seine Überlebensration Futter aus. "Welcome To The Jungle," wäre passender Sound für ihn, haben wir aber nicht. Aus der Ecke, in der der Rekorder steht, hört man nur das Auf- und Zuklappen des grünen Metalltresors und sieht Christian plaudernd, grinsend und kassierend hin- und herhuschen.
Spaß hat keinen Preis
Auf eine rein geschäftliche Beziehung mit seinen Zeichnern legt Christian keinen Wert. Deshalb verlegt er auch keine Arbeiten von "Pappnasen". Er braucht Leute, auf die er sich verlassen kann. "Ich habe wirklich sowas von tollen Zeichnern. Die unterstützen mich in jeder Angelegenheit. Die sind jetzt hier vier Tage auf der Comic-Messe in Essen. Dabei haben sie eigentlich einen Tagessatz von 800 Mark. In der Zeit gehen ihnen vielleicht Aufträge durch die Lappen. Geld verdienen sie hier nicht, aber sie haben trotzdem Spaß dabei." Dass am Zwerchfellstand die Chemie stimmt, merken auch die Fans. Die Zeichner sind immer gut gelaunt und mit Lust bei der Sache.
Für viele der Künstler bedeutete der Zwerchfell-Verlag das Sprungbrett zu einem größeren Verlag. Damit hat sich Christian abgefunden. Einige von ihnen verlegen sowohl bei großen Verlagen als auch bei Zwerchfell. Dr. Mabuse war eine Co-Produktion von Zwerchfell und Carlsen. Stefan Dinter, Isabel Kreitz und Eckart Breitschuh tuschten, zeichneten und texteten die Serie, Carlsen brachte sie heraus. Trotzdem publizieren vor allem Stefan Dinter und Eckart Breitschuh zusätzlich auch bei Zwerchfell. Eckart zeichnet nach wie vor seine Spezial-Agentin Wanda Caramba und arbeitet außerdem an der Serie Grimm. Das sind Märchen der Gebrüder Grimm und trotzdem nichts für Kinder. Denn Eckart hat vor allem dargestellt, was zwischen den Zeilen steht. Die Serie wird etwa zwanzig Geschichten der Grimms umfassen. Und jede wird bis auf das Cover und Baabra Kadabra von einem anderen Zeichner stammen. Aber Eckart behält die Fäden redaktionell in der Hand.
Die Dinter-Brüder sitzen am nächsten Knurf. Die Geschichte, wie der mächtig-naive Dschungelheld mit seiner brachialen Kinderdenke sein Revier verteidigt, verraten sie noch nicht.
Auch Wittek und Uli Oesterle zeichnen bei Zwerchfell und anderen Verlagen. Die jüngsten Agenten sind die Nightfall-Jungs. Für sie hat Christian einen neuen Zwerchfellzweig, mit der Bezeichnung Z 2, eröffnet. Denn obwohl der düstere Gothic-Stil eigentlich nicht in das Zwerchfell-Programm passte, haben die Jungs Heesch, Dinter und Breitschuh von ihrem Können überzeugt.
Stefan Dinter ist der Art-Director von Zwerchfell. Er hat zum Beispiel das Z-Logo 1996 entworfen und er betreut den Nachwuchs künstlerisch. Auch Kießler und Schukalla. Die beiden lernten schnell und ihre Serie Intravenös kommt verdammt gut an.
Wenn Heesch sich was wünschen dürfte
Stamm-Fan Pauli schleppt eine fette Tüte mit Bier an. Die Zeichner atmen auf. Es ist der letzte Tag. Arme, Finger und Augen der Künstler werden müde. Wen wundert's, nach vier Tagen Dauerzeichnen? Aber Bier tut immer gut. Christian ist bester Laune. Er weiß, dass der Stand sich gelohnt hat und Zwerchfell dieses Mal schwarze Zahlen schreibt. Das baut ihn auf. Deshalb lässt er die Fotosession gelassen über sich ergehen und nimmt sich viel Zeit für das Interview. Im Grunde ist er zufrieden, wie sich Zwerchfell entwickelt. Allerdings würde er gerne mal Knurf 3 zum Beispiel, mit dem Ertrag von Knurf 2 finanzieren. Und wer kann's ihm verdenken, dass er vom Verlagsprogramm irgendwann mal leben können möchte? Er denkt kurz nach und reduziert seinen Wusch darauf, dass er es schon klasse fände, nicht mehr draufzubuttern. Doch am allermeisten würde es ihn freuen, wenn er einfach mal sagen könnte:
"Hallo Dinter! Hier Dein Honorar."