Isabel Kreitz schreibt über ihren Arbeitsalltag - und stellt sich einen Praktikanten vor
Comiczeichner können den ganzen Tag lang lustige Bilder zeichnen. wenn sie mal gerade nicht zeichnen, treffen sie ihre Freunde, um sich neue Witze auszudenken. Danach gehen sie in coole Bars, werden dort sofort als berühmte Comiczeichner erkannt und um Autogramme gebeten. Sie werden in der ganzen Welt auf Comicbörsen herumgereicht, wo sie Millionenverträge abschliessen. Und ständig dürfen sie auf Kosten ihres Verlages in vornehmen Lokalen mittagessen. Dieses Vorurteil über unseren Beruf muß daran schuld sein, daß ab und zu junge, optimistische Menschen bei uns nach Praktikumsplätzen fragen.
Vielleicht sollte ich tatsächlich einmal einen Praktikanten einstellen, der könnte mir zumindest dabei helfen, das vorherrschende Berufsbild zu korrigieren. Ich habe schon eine Vorstellung davon, was sich dann in meinem kleinen Büro abspielen wird:
Mein bedauernswerter Praktikant steht morgens, pünktlich um neun, vor der Tür. Es ist keiner da. Comiczeichner schlafen lange. ich trudele dann so gegen halb zehn im Atelier ein. Zuerst zeige ich dem Praktikanten die Küche und weise ihn in die Zubereitung eines guten Tees ein. über seiner Tasse sagt der Praktikant artig, er habe alle meine Comics gelesen und fände sie "klasse". Er schlägt vor, einmal 'ne story über Derrick zu machen. Das werde bestimmt ein Verkaufsschlager.
Der wichtige Toasthalter
Ich korrigiere ihn vorsichtig. Der Reiz des Comicproduzierens liegt für mich darin, eigene Geschichten zu erzählen, auch wenn sie nicht die Massenwirksamkeit einer Krimiserie haben. ich muß mich bremsen, damit ich nicht den gesamten Lehrstoff auf einmal verpulvere. Also schauen wir erst einmal gemeinsam in den Briefkasten. rechnungen und Bankunterlagen ordnen wir sauber in den englischen Toasthalter auf meinem Schreibtisch ab. Genau wie die nette Postkarte von Natascha und Jörn und die Aufforderung eines Versicherungsmaklers, sich die Vorteile einer Zahnzusatzversicherung zu vergegenwärtigen. Den Toasthalter entleeren wir Quartalsweise.
Apropos entleeren: Wie schnell mal wieder das Konto leer ist! Ich sollte endlich mal eine Mappe zusammenstellen und die immer wieder verschobene Acquisitionstour durch die otrsansässigen WErbeagenturen machen. Aber taucht auf einmal diese Idee auf.
Die geschichte fiel mir neulich morgens kurz nach dem Aufwachen ein. Ich schicke den Praktikqanten zum Milchholen und beginne damit, mir auf einem Schmierzettel einige Stichworte zu notieren. Da waren doch noch diese netten Photos vom Hafen, die man verwenden könnte... und neilich in der Morgenpost war doch ein Artikel über...Mist, das Telephon.
Ob ich zu einer Comicbörse nach Zürich fahren möchte? Eine Begleitperson dürfe auch mit. Na, denn. Als prämierter Comiczeichner kommt man ja schon herum. Das entschädigt für die niedrigen Autorengehälter. Dieses Jahr war ich schon in Koblenz, Regensburg, Stuttgart, und am Jahresende finanziert mir das Goethe Institut gemeinsam mit Lufthansa einen Ausflug nach Osaka. Dort wird eine Austellung eröffnet mit Werken von vier Hamburger Zeichnern.
Der Praktikant ist wieder da, mit der Milch. Wir bereiten uns erst einmal einen Mittagsmilchkaffee. Dabei erzähle ich von zukünftigen Projekten, die ich realisieren möchte, und wie befriedigend es ist, ein gedrucktes Album mit eigenen Bildern in der Hand zu halten. Dafür muß man natürlich auch Zugeständnisse machen. Zum Beispiel eine Bewerbungsmappe zusammenstellen. Bevor ich auf Grund dieser Aufgabe in richtig schlechter laune geraten kann, klingelt das Telefon erneut.
Die kleinen Waldfreunde
Oha, ein Auftrag! Es gibt kleine Vignetten zu zeichnen mit niedlichen Kinderspielzeugmotiven. Photos von diesen Spielzeugen knattern aus dem Faxgerät. Der Praktikant darf die vielen Thermopapierröllchen auseinanderfalten und ordnen. Mit grossen Glubschaugen starren uns die "kleinen Waldfreunde" an, die häßlichsten Plastikviecher, die ich je gesehen habe.
Zehn Vignetten. Eine für die Miete, eine für die Krankenkasse, eine für die Rentenversicherung...Manas Spinatverabreichungsmethode bekommt einen neuen Anwendungsbereich. Nach einer gewissen Zeit ist auch dieses dröge Abzeichnen von Plastikfiguren erträglich.
Eigentlich großartig. Ich sitze in einem wunderschönen Büro und kann den ganzen Tag das tun, was ich am liebsten mache: zeichnen. Als nächstes werde ich die Geschichte von heute morgen weiterspinnen, und irgendwann wird vielleicht ein Comicalbum daraus. Zwischendurch wird diese berühmte Wochenzeitung immer mal wieder anrufen, um Illustrationen bei mir zu bestellen. Und das große Literatur-Adaptions-Projekt wird doch noch etwas.
Der Praktikant möchte wissen, warum ich so entrückt grinse. "Zeichnen ist ein bißchen wie Haschischrauchen", erkläre ich ihm. Plötzlich ist man "drauf" und beginnt, die Wirklichkeit zu verfremden, fühlt sich unheimlich dufte und denkt, alles erreichen zu können. Ein wunderschönes Gefühl. Es macht süchtig. Mit Suchtverhalten kann man auch am besten die freiwillige Selbstausbeutung erklären, die einen Comiczeichner dazu bringt, ein halbes Jahr an einem Album zu zeichnen, für ungefähr 50pf die Stunde.
Boh, staunt der Praktikant, das hätte er nicht gedacht. Comiczeichner bekommen doch immer diese Preise beim Comicsalon in Erlangen, sind dauernd im Fernsehen und werden vom Spiegel interviewt. Da müßten sie doch eigentlich eine Menge Kohle machen...
Ja, ja, finde ich auch.
Lektion für den Praktikanten: Du mußt nicht nur gute Ideen haben, dein Handwerk beherrschen und gute Comics zeichnen, du mußt außerdem ein begnadeter Vertreter der eigenen Produkte sein. Ein Vorschlag an die Fachhochschulen für Graphik und Illustration in deutschland: Bietet Drückerkolonnenkurse für angehende Comiczeichner an.
Ziemlich viel gelernt für den ersten Praktikumstag. Das reicht für heute. Es ist Zeit fürs Abendessen. Meine zweitlieblingsbeschäftigung nach dem Zeichnen ist das Kochen. Wichtigster Apparat in meinem Büro , vor dem Kopierer und dem Computer, ist der Herd. Passend zur Jahreszeit serviere ich dem Praktikanten eine Hamburger Spezialität: Birnen, Bohnen, Speck.
Am nächsten Morgen ist der Praktikant nicht mehr da. Waren's die Birnen? Waren's die Bohnen? War's der Speck?
Aus: SZ am Wochenende (Comic Spezial) 14./15.11.98