Dieses Briefinterview zwischen Jo Guhde von "Sprühende Phantasie" und Wittek wurde von August bis Okt. 1997 geführt.
Wittek: Geboren bin ich in der Trabrenn-Stadt Dinslaken nah der holländischen Grenze im Ruhrgebiet. Mein Vater war technischer Zeichner bei Pintsch BAMAG (die bauen z.B. die schönen, grünen Ampeln, die überall herumstehen) und er zeichnete in seiner Freizeit Cartoons im Stil von André Franquin, und das gar nicht mal schlecht.
Das hat mich schwer beeindruckt, und ich wollte von da an etwas ähnliches machen.
Ich begann, Donald Duck-Sonderhefte mit blauem Kugelschreiber vollzumalen. Die erste Zeichnung, an die ich mich erinnern kann, war in einer Carl Barks-Geschichte (Donald als Bäckerlehrling). Im Bild auf dem sich Donald den Backqualm aus den Ohren klopft (auf diesem Bild sieht man, glaube ich, Donalds Ohren zum 1. und letzten Mal) habe ich irgendwelche Kringel um seine Augen gemacht. Später als mein Vater mir und meinen Brüdern das Comiclesen verbat (allein Asterix war erlaubt), begann ich selbst Hefte zu zeichnen. Diese Dinger nannte ich Supercomics, Powerbox und Sabber und Geifer Comix. es waren Funnies und "realistische" Superheldencomics. Zeichnerisch von Zack sehr beeinflusst.
Ich habe eigentlich immer gezeichnet, in der Schule während des Unterrichts, während der Arbeitslosigkeit, bei der Bundeswehr und während der Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller in einer Werbeagentur in Essen. Ich kann mich gut an einige Episoden der Schulzeit erinnern, ich malte irgendwelche UFOs während des Unterrichts, die sofort von meinen Lehrern konfisziert wurden. Meine Ex-Klassenlehrerin muss eine unglaubliche Sammlung zuhause haben. Irgendwann habe ich eine Möglichkeit gefunden, das legal zu betreiben, indem ich am Wochenende Mondbasis Alpha 1-Comics zeichnete, sie jeden Montagmorgen an der Magnetwand der Klasse präsentierte und auch für die Schülerzeitung Comics zeichnete.
SP: Bekannt geworden bist du später vor allem durch Veröffentlichungen in dem Hamburger Comicmagazin Unangenehm. Du hast aber auch schon Jahre vorher gezeichnet und veröffentlicht. Welche Projekte waren das, und wie bist Du letztendlich zum Unangenehm gekommen?
Wittek: Angefangen hat es mit einer Reihe von Heften (die ich eingangs erwähnte). Sie wurden nicht reproduziert, sondern an Freunde und Bekannte ausgeliehen. Meine beide Brüder und ein Freund waren periodisch aktiv dabei, oder sie machten eigene Hefte. Ich machte eine Ausbildung in einer Werbeagentur und lernte dort das Arbeiten unter Zeitdruck und einiges über Drucktechniken; beides kommt mir heute sehr zugute.
Während meines ersten Semesters an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg hörte ich zum ersten Mal von Unangenehm, das für seine erste Ausgabe Comics zum Thema "Weihnachten" suchte. Ich zeichnete 3 Seiten der Geschichte, in der Weihnachten aus der Sicht der Weihnachtsgans gezeigt wurde, und ging damit zu einem der Treffen. Dort erfuhr ich, dass sie meinen Beitrag gern im Heft hätten, mir blieben aber nur noch 10 Tage für die restlichen 7 Seiten. Habe dann reingeklotzt und es doch bis zum Abgabetermin geschafft. Sie baten mich daraufhin, die Hintergrundzeichnung für das Cover zu machen, auf dem die einzelnen Figuren jedes Zeichners montiert wurden.
SP: Das Prinzip einer Redaktion mit mehreren verantwortlichen Mitgliedern ist im Bereich der sogenannten "Fanzines" eher die Ausnahme. Trotzdem gibt es natürlich Mitglieder, die eher auffallen als andere. Wie siehst du deine Stellung innerhalb des Unangenehm-Teams?
Wittek: Es ist natürlich mühsam, eine Gruppe von ca. 20 Zeichnern unter einen Hut zu bringen. Treffen müssen koordiniert, Aufgaben verteilt, Abgabetermine festgesetzt werden. Während der ersten beiden Ausgaben haben Rainer Penk und Gregor Stockmann die Koordination gemacht, da es aber eine nervenaufreibende Arbeit ist, haben sie einen oder zwei Nachfolger gesucht. Ich habe die Aufgabe dann für die zwei nächsten Ausgaben übernommen; das Resümee dieser Zeit kann man in Unangenehm 5 in meinem Comic nachlesen. Als an der 2. Unangenehm-Ausgabe gearbeitet wurde, wurde festgelegt, dass von jedem Zeichner maximal 6 Seiten im Heft sein sollten - damit eine Person im Heft nicht dominiert. Da ich aber zu diesem Zeitpunkt schon den Comic für die nächste Ausgabe fertig hatte, fällt dieser wegen seiner Länge schon auf. Später habe ich versucht etwas zu tricksen, indem ich eine Koproduktion mit einem anderen Zeichner machte (2 Zeichner= 12 Seiten), wie in "Kampf der Kromosomen" in der Sexausgabe, oder die Geschichte mittels integrierter Anzeigen verlängerte, wie "Non suavis genese" in der Arbeitsausgabe.
SP: Dein Vater verbot euch damals das Lesen von Comics - trotzdem habt ihr wie die Wilden gezeichnet. Hat er später seine Meinung geändert? Und was machen Deine Brüder jetzt noch mit Comics - man hört immer nur was von Dir?!
Wittek: Mein Vater hat schon immer eine grosse Trennlinie zwischen Konsumieren und Herstellen von Comics gezogen. Er kann meinem Brüdern und mir nur auf eine eigentümliche und schwer zu beschreibende Art klarmachen, dass er irgendwelche Kreativität befürwortet. Ich glaube, es fiel ihm immer schwer, uns irgendein Lob zukommen zu lassen, was mich schon in frühen Jahren dazu anspornte, meine zeichnerischen Qualitäten zu verbessern.
Mein jüngerer Bruder Andreas zeichnet leider seit gut 10 Jahren keine Comics mehr und der ältere, Peter, hat vor einem guten Jahr noch was für Ersatzflüssigkeit gemacht. Ich mag Peters Comics sehr gern; leider ist er sehr schwer dazu zu überreden. Ich habe aber viel Lust mit ihm in nächster Zeit eine Art "Jam"-Comic zu machen. Mal sehen.
SP: Du hast ziemlich viel für die Schublade produziert. Gibt es noch Sachen, mit denen du dich voll identifizieren kannst und die vielleicht noch mal irgendwo zum Abdruck kommen?
Wittek: Meiner Meinung nach ist es klar zu erkennen, dass die Sachen aus den Achtzigern sowohl textlich als auch zeichnerisch nicht reif genug für Veröffentlichungen waren, bzw. sind. Ich verwendete aber kürzlich im heutelein einige Zeichnungen und Passagen aus der Zeit von 1979-82, indem ich sie stark verkleinerte, oder mit dem Kopierer verzerrte. Ich denke, in Zukunft werde ich noch einige alte Comiczeichnungen in ähnlicher Weise weiterverarbeiten und in neue Geschichten einstreuen. Aber in ihrer ursprünglichen, ungekürzten Form werden sie wohl nicht mehr veröffentlicht.
SP: Du arbeitest viel mit anderen zusammen. Was sind deine Gründe dafür? Arbeitest Du lieber mit anderen oder lieber allein?
Wittek: Die Zusammenarbeit mit z.B. Loppe, Christian 3 Roosen, Calle Claus, Björn Kuhnke und Teer bringt mir/uns sehr viel. Jeder von uns hat einen persönlichen Stil und durch die "Verschmelzung" lernt jeder von andern etwas, was er möglicherweise allein nicht erreicht hätte. Wer nur allein für sich arbeitet, kommt vielleicht schnell in Versuchung, Althergebrachtes wie von Crumb, Moebius, Franquin oder Disney nachzuahmen. Trotzdem finde ich es wichtig, eine Ruhepause für mich allein zu haben, um aus dem Einfluss etwas ganz eigenes zu machen. Zusammen- als auch Alleinarbeit mach ich exakt zu gleichen Teilen gern.
SP: Verdienst Du mit Deiner Arbeit an Comics oder Werbung auch Geld, und kannst Du davon leben? Wenn nicht, wovon lebst Du?
Wittek: Momentan sieht's nicht so gut aus. In letzter Zeit habe ich den grössten Teil meiner Zeit mit Comiczeichnen verbracht, aber immer ohne finanziellen Gewinn. Ich werde demnächst wieder für Aufträge sorgen müssen, d.h. viel Eigenwerbung machen und Zeitschriften, Zeitungen und Werbeagenturen kontakten, um mit Zeichnungen mein Geld zu verdienen (wie schon vorm Studium). Zur Zeit habe ich ein knappes Einkommen durch einen Job in einem Schreibwarenladen.
SP: Welchen Stellenwert hat Musik in Deinem Leben, und was hörst Du momentan am liebsten?
Wittek: Sie ist für mich ebenso wichtig wie das Comiclesen. Ich höre sogar grundsätzlich Musik während ich zeichne und lasse mich durch sie beeinflussen. Ich finde es oft hilfreich Musik zu hören, die charkteristisch zum Inhalt des Comics passt, an dem ich arbeite. Z.B. höre ich während der Arbeit am Boiler bevorzugt die "Einstürzenden Neubauten". Boiler ist ein Comicproject von Loppe und mir über eine reine Maschinenwelt: Figuren und ihre Umwelt sind sehr Roboterähnlich.
Ich mache aussserdem gern Comicumsetzungen von Musikstücken, wie etwa den Zappa-Comic in "Unangenehm" 2 oder Musik-Trick-Film-Clips, welche auch in der Filmrolle in der INC-Ausstellung "Die 4. Dimension" gezeigt wurden.
Ich höre zur Zeit ganz gern die Musik von Tricky, Beck, Prodigy and Aphex Twin. Eigentlich auch sowas wie "Boil R"-Musik.
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